Leon Klassen verlässt die Lilien leihweise zum Grazer AK, dafür kommt Raoul Petretta. Der 28-jährige spielte in den letzten drei Jahren für den Toronto FC in der Major League Soccer. Der Italiener ist in Deutschland geboren und fußballerisch beim FC Basel ausgebildet worden. Nachdem er sich beim Spitzenklub als Youngster schnell in der Profielf etablierte, kam er 2022 verletzungsbedingt nur noch auf wenige Einsätze. Nach einem halben Jahr in der Türkei ging der Linksverteidiger nach Kanada und nun zum SV Darmstadt 98. Ich befragte Manuel zu Petretta. Manuel behält für Transfermarkt den nordamerikanischen Fußball im Blick und ist Gründer von Gegenpressing, einem englischsprachigen Podcast über die Bundesliga. (Bildquelle: http://www.sv98.de)
Manuel, Raoul Petretta war in den letzten drei Jahren Stammspieler in Toronto. Zumeist als Linksverteidiger, manchmal auch im linken Mittelfeld. Wie bewertest Du seine Zeit in Kanada?
Sie war eher durchwachsen. Aber das lag nicht nur an ihm. Toronto FC war in den letzten Jahren konstant im Krisenmodus. Von daher ist es schwer, seine Zeit in der MLS zu bewerten.
Kannst Du etwas über sein Standing sagen, dass er im Klub und bei den Fans genoss?
Um ehrlich zu sein war er eher unauffällig. Allerdings liegt das auch daran, dass Toronto FC sehr an Standing eingebüßt hat. Da der Klub überhaupt nicht erfolgreich war, war die Medienaufmerksamkeit ziemlich gering. Petretta selbst war zudem alles andere als ein Star.
Im Dezember hieß es, Augsburg und der HSV seien an Petretta interessiert. Auch von Erstligisten aus der Türkei und Polen die Rede. Kannst Du das bestätigen?
Ich wäre überrascht, wenn da wirklich Bundesligisten interessiert waren. Petretta war Durchschnitt in der MLS. Da wäre der Sprung in die Bundesliga schon sehr groß gewesen. Ich glaube deshalb, dass das wohlvom Berater kam und er nicht viele Optionen hatte. Selbst die 2. Bundesliga ist eigentlich schon ein Schritt nach oben, wenn man sich ansieht, wo er in den letzten Monaten war.
Paul Fernie, Sportdirektor der Lilien, sagte über Petretta: „Raoul ist ein Außenverteidiger, der aufgrund seiner Spielintelligenz, seinen Fähigkeiten in der Spieleröffnung und seiner Ballsicherheit ideal in unser Anforderungsprofil passt. Darüber hinaus ist er ein guter Entscheider, bringt ein ausgeprägtes taktisches Verständnis mit und verteidigt aktiv nach vorne.“ Gehst Du mit dieser Einschätzung mit?
Das kann man schon so sagen. Aber bei aller Liebe, Petretta war jetzt nicht gerade der beste Linksverteidiger in der MLS. Wann man ihn zum Beispiel mit Kai Wagner vergleicht, der zuletzt zu Birmingham City gewechselt ist, dann sind das Welten.
Was bei Fernies Aufzählung fehlt, ist das für einen Verteidiger nicht ganz unwichtige Defensivverhalten, gerade in der körperlichen und engen 2. Bundesliga. Wie schätzt Du es ein?
In der MLS wird ja weniger wert auf das Verteidigen gelegt. Von daher bin ich wirklich gespannt, wie er sich in der 2. Bundesliga macht. Aber vielleicht kommt er bei mir auch einfach zu schlecht weg, weil die Situation in Toronto schon seit mehreren Jahren schwierig ist.
Welches System glaubst Du, liegt Petretta besser? Klassischer Außenverteidiger in einer Viererkette, oder Schienenspieler in einer Dreier-/Fünferkette?
Er ist wohl am besten in einer Viererkette, kann aber durchaus auch in einer Dreierkette oder im Mittelfeld spielen. In Toronto haben sie die Systeme unter verschiedenen Trainern oft gewechselt. Deshalb hat er auch mal im Mittelfeld gespielt. Ich glaube allerdings, dass er dann am besten ist, wenn er nur absichern muss. Wie die Statistiken zeigen, ist er jetzt kein Offensivwunder.
Darmstadt hat hinten links mit Fabian Nürnberger und Fabian Holland ein Duo, dass bislang auf seine Einsatzzeiten kam, während Herausforderer Leon Klassen nach Graz weiterverliehen wurde. Siehst Du bei Petretta die Chance, dass er mehr als nur ein Herausforderer ist?
Nein. Ich glaube er ist ein reiner Herausforderer. Aber wer weiß? Vielleicht überrascht er uns.
Vielen Dank für den Austausch, Manuel.