Insider im Gespräch über … Karol Niemczycki (#22)

SVD_3401-1024x681Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Die Lilien holen einen neuen ambitionierten Keeper, der den Konkurrenzkampf im Tor befeuern soll. Karol Niemczycki kommt von Fortuna Düsseldorf nach Darmstadt. Der bald 25-Jährige kam in der letzten Saison auf lediglich drei Einsätze beim Ligakonkurrenten und sucht nun beim SVD eine neue Chance, um im deutschen Profifußball Fuß zu fassen. Ich tausche mich über Niemczycki mit Michal Trela aus, der unter anderem für den Pay-TV-Sender Canal+ über die polnische Ekstraklasa berichtet und der mit dem Keeper bereits ein ausführliches Interview geführt hat. (Bildquelle: sv98.de)

Michal, Karol Niemczycki kommt zu den Lilien. Was kannst Du zu ihm sagen?
Da ich in Krakau lebe, habe ich ihn während seiner Zeit bei Cracovia oft beobachtet. Er war immer sehr talentiert und diszipliniert, ein sehr akribischer und auch selbstbewusster Torwart. Zudem trat er freundlich und überhaupt nicht arrogant auf. Er war bereits als Jugendlicher in die Niederlande gewechselt, um in Breda zu spielen, wo er mit 18 Jahren sein Profidebüt feierte und in dem Zeitraum auch für das polnische U20-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft teilnahm.

Warum kam er letztlich auf nicht mehr als zwei Eredivisie-Einsätze in zwei Jahren?
Er war immer noch blutjung. Bei seiner Rückkehr nach Polen war er gerade 20 Jahre alt geworden. Wie er aber zuvor den Schritt in die Niederlande gewagt hatte, das zeigt seinen Ehrgeiz. Er musste sich dort als 17-Jähriger erst ein halbes Jahr beweisen, bevor er von Breda einen Vertrag bekam. Seine Eltern überbrückten diese Phase finanziell. Daneben machte er parallel seine Hochschulreife.

Warum ging es von Breda zunächst in die polnische 2. Liga?
Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre er sofort in die 1. Liga gewechselt, denn er fühlte sich bereit dafür. Zweitligist Puszcza Niepołomice ist hingegen ein Verein, der seit Jahren auf junge Torhüter setzt. Sie spielen „Kick and Rush“-Fußball, ein bisschen so wie Darmstadt zu den Zeiten von Dirk Schuster. Ein Torhüter muss dort viele Flanken abfangen und präzise lange Bälle schlagen. Das Jahr hat ihm letztlich gutgetan.

Dann wechselte er zu seinem Heimatklub Cracovia in die 1. Liga.
Und dort spielte er sehr gut. In seiner ersten Saison war er einer der besten Spieler in einer sehr schwachen Mannschaft. Das führt dazu, dass ihn der damalige Nationaltrainer Paulo Sousa für Trainings mit der Nationalmannschaft nominierte. In diesem hielt er einen Elfmeter von Robert Lewandowski was in Polen viral ging. Seine zweite Saison war dann schlechter und er musste den Platz im Tor räumen, bevor er nach einem Trainerwechsel wieder zur Nummer Eins befördert wurde. Diesen Status behielt er bis zu seinem Wechsel nach Düsseldorf für anderthalb Jahre.

Hatte er das Interesse weiterer Klubs geweckt?
Oh ja, ich weiß, dass seine Leistungen in Krakau das Interesse der Glasgow Rangers und von Stade Rennes geweckt hatten, die ihn in Krakau beobachtet haben. In Polen gibt es viele gute junge Torhüter, aber Niemczycki galt immer als einer der besten seiner Generation. Sein Problem war, dass er bei Cracovia spielte, als der Klub eine sehr schlechte Phase hatte. Es war deshalb letztlich schwierig, von dort zu einem Verein aus den Top-5-Ligen Europas zu wechseln. Dass er das Zeug dazu hat, für ein solches Team zu spielen, das traue ich ihm aber weiterhin zu.

Hat es dich dann überrascht, dass er sich in Düsseldorf nicht durchsetzen konnte?
Nein, es hat mich nicht überrascht, weil ich vermutete, dass Kastenmeier gesetzt ist. Ich dachte vielmehr, dass Niemczycki langfristig dorthin wechseln würde und er die Nummer Eins wird, sobald Kastenmeier in die Bundesliga wechselt, was ja eventuell nach dem verpassten Aufstieg auch passieren könnte. Ich weiß, dass er sich die Situation in Düsseldorf anders vorgestellt hatte. Kurz nach dem Wechsel hat er sich von seinem langjährigen Berater getrennt, als ihm klar wurde, dass er nur Ersatz sein würde.

Abschlussfrage, Michal: Was sind für dich die Stärken im Torwartspiel von Niemczycki und was seine Schwächen?
Ich würde sagen, dass man seine Stärken gerade auf der Linie sieht, wo er sehr dynamisch agiert und gute Reflexe hat. Auch beim Schlagen von langen Bällen ist er sehr gut, denn er kickt sie punktgenau. Ich weiß nicht genau, wie stark er im Aufbauspiel ist, da bei seinen Mannschaften in Polen meistens der lange Ball gefragt war. Aber ich vermute, dass er das in Holland als junger Spieler geübt hat. Wenn es um Schwächen geht, dann glaube ich, könnte er sich noch im Herauskommen und Flankenabfangen verbessern.

Michal, herzlichen Dank für Deine ausführlichen Antworten.

Apropos: Hier geht’s zum Eröffnungsinterview der Lilien mit Karol Niemczycki.


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