Insider im Gespräch über … Lars Kehl (#22)

Pünktlich zum Trainingsauftakt vervollständigt sich der Zweitligakader von Darmstadt 98 immer weiter. Die nächste Verstärkung der 98er kommt von Aufsteiger VfL Osnabrück. Lars Kehl feierte noch vor wenigen Wochen die Drittligameisterschaft mit den Niedersachsen und sucht nun bei den Lilien eine neue Herausforderung. Der 24-Jährige stammt wie der vor zwei Wochen verpflichtete Noah Weißhaupt aus der Freiburger Fußballschule und agiert im offensiven Mittelfeld. Ich unterhalte mich mit Benjamin über Kehl. Benjamin ist Sportredakteur bei der Neuen Osnabrücker Zeitung und Teil des VfL-Podcasts Brückengeflüster. (Bildquelle: www.sv98.de )

Benjamin, Lars Kehl verlässt den VfL. Ausgerechnet nach dem Aufstieg und ausgerechnet zu einem Ligakontrahenten. Warum konnte der VfL ihn nicht halten, zumal ohne Transfererlös?
Das hat sich aus der Konstellation ergeben. Kehl hatte einen Dreijahresvertrag beim VfL und hätte diesen von Vereinsseite frühzeitig verlängern können, was er aber abgelehnt hat. Insofern hat er von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Das lief komplett fair und er hat hier überhaupt keine verbrannte Erde hinterlassen.

Hattest Du auf dem Schirm, dass er in Darmstadt landen könnte?
Nein. Ich kann mir aber vorstellen, dass das ganz gut passen könnte, jetzt wo Darmstadt die Offensive neu aufbaut. Ich traue ihm jedenfalls zu, in Darmstadt durchzustarten. Ich weiß aber natürlich nicht, welche Rolle er in Kohfeldts Überlegungen spielt. Zum Saisonende hin wurde Kehl mit Bochum in Verbindung gebracht, die sich jedoch früh mit Berkan Taz einig waren. Als ich vor wenigen Wochen mit Kehl telefoniert habe, da war noch nicht klar, wo es für ihn hingehen würde. Ihm war es lediglich wichtig, dass vor Trainingsbeginn alles geklärt ist. Denn ihm würde es gut tun, wenn er gleich die gesamte Vorbereitung im neuen Klub mitmachen könne. Insofern ist der jetzige Vollzug vollkommen logisch und gut für ihn.

Die letzten drei Jahre spielte Kehl für den VfL. Wie würdest Du seine Entwicklung in dieser Zeit beschreiben?
Anfänglich hatte er sich schwerer verletzt und auch danach immer mal mit Blessuren zu kämpfen. Der Aufschwung der letzten anderthalb Jahre ist aber eng mit seinem Namen verknüpft. Er ist inzwischen stabiler auf dem Feld. Er ist deutlich robuster und zweikampfstärker geworden, wenngleich er gegen den Ball immer noch keine Zweikampfmaschine ist. Auch im Spiel nach vorne ist er konstanter geworden und somit immer mehr in die Rolle geschlüpft, die der Verein sich von ihm versprochen hatte.

Wie würdest Du dann seine Spielweise beschreiben?
Kehl ist im besten Sinne ein Zocker am Ball, der sich mit seinen kleinen schnellen Haken Räume verschafft und dann den Steckpass zum Mitspieler anbringt. Das hat er schon immer draufgehabt. Hinzu kommen seine gewachsene Robustheit und Ausdauer. Sein erstes Spiel über die volle Spielzeit müsste erst gegen Ende seiner zweiten Saison hier gewesen sein. Dafür wurde er hinterher von langjährigen Mitspielern abgefeiert. Das lag aber auch daran, dass er ein Kandidat für die Auswechslung war, wenn im Laufe eines Spiels weniger Kombinationsfußball und mehr lange Bälle gefragt waren. Er braucht einfach die Bälle im Fuß, damit er mit seinen Fähigkeiten etwas kreieren kann.

Das passt zu dem, was Kehl von sich selbst sagt. Er beschreibt sich als jemand, der es liebe seine Mitspieler einzusetzen, der aber auch torgefährlich sei und gute Standards trete.
Das ist auf jeden Fall komplett richtig. Er hat beim VfL so gut wie alle Ecken und Freistöße getreten. Er hat einen richtig guten rechten Fuß und kann dem Ball einen richtig wilden Schnitt geben. So fielen viele Kopfballtore nach seinen Ecken. Wie ich schon sagte, er hat einfach richtig Bock zu zocken. Wenn ein Team schnell, zügig und trickreich nach vorne spielt, dann ist er in seinem Element. Er fühlt sich im Kombinationsfußball total wohl und kann durch seine Haken etwas kreieren. Denn er hat ein gutes Auge. Wenn jemand frei steht, dann sieht er das.

Geht er denn auf dem Feld auch vorneweg? Ist er also in deinen Augen ein Führungsspieler.
Er ist mit Sicherheit kein Lautsprecher und keiner, der anfängt die halbe Mannschaft herumzudirigieren. Er braucht das Vertrauen des Trainers und der Mitspieler, um sein Potenzial abzurufen. Kehl ist aber auch keiner, der nur gestreichelt und getragen werden muss. Er kann sich schon selber helfen. Wenn mal ihm mal zwei, drei Aktionen misslingen, dann pusht er sich selbst und versucht es bei der nächsten besser zu machen.

Es ist schon ein wenig aus deinen Erläuterungen herauszuhören, aber auf welcher Position gefällt er dir schlussendlich am besten und wo könnte man ihn noch aufbieten?
Er braucht ein, zwei Mitspieler vor sich. Osnabrück spielte in aller Regel im 3-4-2-1. Kehl besetzte dann eine der beiden Positionen hinter den Spitzen, zumeist die linke. Ich sehe ihn deshalb auf der Zehner-Position oder auf einer von zwei Zehner-Positionen. Alternativ könnte er vielleicht auch als kleinerer Spieler um einen großen Angreifer herumspielen, aber dann eher aus der Tiefe kommend. Kehl ist jedenfalls kein Schienenspieler und kein Stoßstürmer. Dafür hat er nicht die nötige Geschwindigkeit oder Statur. Direkt vor der Abwehr fehlt es ihm bei hohen Bällen ebenfalls an der notwendigen Körpergröße. Dafür ist er ein Spieler, dem man den Ball gut in den Fuß oder auf die Brust spielen kann und dann verschafft er sich mit zwei, drei schnellen Schritten Platz. Ihn zeichnen diese kleinen schnellen Drehungen aus. Und wenn er mal den Ball hat, dann nimmt man ihm den in aller Regel auch nicht so schnell weg. Das kann auch bedeuten, dass er ein Foul zieht.

Wo würdest Du Kritikpunkte an seinem Spiel ausmachen?
Weite Wege gegen den Ball zählen nicht unbedingt zu seiner Stärke. Wenn das Spiel allerdings kompakt angelegt ist und er in einem kleineren Radius agieren kann, dann ist er giftig gegen den Ball. Auch wenn er sich im Pressing zuletzt gut entwickelt hat, dann fühlt er sich also eher in diesen kleinen Räumen wohl, als über längere Distanzen.

Wie würdest Du Kehls Spiel bewerten, wenn es mal schnell oder körperlich wird?
Schnell ist überhaupt kein Problem, sondern eher gut, denn dann gehen Räume auf, die er bespielen kann. Dafür hat er den Überblick. Wenn Chaos herrscht und der zweite Ball springt zu Kehl, dann hätte es nicht besser laufen können. Deshalb kann man bei engen Spielen auf ihn setzen, zumal mit Mitspielern oder eben Wandspielern, die ihm körperlich zuarbeiten. In einer wilden Phase kann er einem Spiel deshalb viel geben.

Du hast schon gesagt, dass du ihn persönlich sprechen konntest. Welchen Eindruck macht er als Person auf dich?
Er ist ungemein ehrlich und authentisch. Er macht einem nichts vor. Auch in der Zeit, in der er kein Stammspieler war, hat Kehl nie Stunk gemacht. Er ist vom Charakter her ein absoluter Teamplayer. Während seiner drei Jahre in Osnabrück ist er sehr gereift. In seinen Statements ist er klar und analytisch. Und: Kehl ist seiner Heimat im Schwarzwald nach wie vor sehr verbunden. Zu Heimspielen des VfL kam immer mal wieder ein Bus mit 50 Leuten aus seinem Heimatdorf. Durch die nähere Distanz zu Darmstadt dürften die nun wohl häufiger ans Böllenfalltor kommen.

Super. Das hört sich doch gut an. Besten Dank für das ausführliche Gespräch, Benjamin.


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