
Ein Belgier bei den Lilien, das hat absoluten Seltenheitswert. Zur neuen Saison spielt jedenfalls Nicolas Verkooijen beim SV Darmstadt 98. Der 19-Jährige kommt aus Eindhoven zum SVD und ihm eilt der Ruf eines großen Talents voraus. Für die Niederländer spielte er in der Zweitvertretung, die in der 2. Liga antritt. Für die Profis kam er immerhin schon auf ein paar Kurzeinsätze. Der U21-Nationalspieler Belgiens agiert am liebsten im offensiven Mittelfeld. Was sonst noch über Verkooijen zu wissen ist, darüber tausche ich mich mit Daniel aus. Er ist Teil von oranjefussball und tritt regelmäßig im Rasenfunk auf, um über die niederländischen Fußball zu berichten. (Bildquelle: www.sv98.de )
Daniel, Nicolas Verkooijen kommt zu Darmstadt 98. Wie sehr hattest Du das auf deiner Bingo-Karte?
Das stand ehrlicherweise nicht so wirklich auf meiner Bingo-Karte. Dass er generell diesen Sommer wechseln würde, war schon Anfang des Jahres klar, da er seinen Vertrag bei PSV nicht verlängert hat, obwohl der Verein ihn eigentlich halten wollte. Er hatte auch mehrere Angebote aus der niederländischen Eredivisie und wohl eines von Sturm Graz aus Österreichs erster Liga. Dass er nun in eine zweite europäische Liga geht und in keine höchste Spielklasse eines Landes, das überrascht schon ein bisschen. Es zeugt aber von Vernunft, sich bei einem ruhigen, soliden Verein in Ruhe weiterentwickeln zu wollen. Es macht demnach durchaus Sinn, nach seiner Zeit in der Nachwuchsmannschaft von PSV zuerst eine ambitionierte Zweitligamannschaft zu wählen.
Isac Lidberg ging von Utrecht zu den Lilien und erlebte hier zwei sehr erfolgreiche Jahre, bevor er nun nach Gladbach weiterzog. Könnte dieser erfolgreiche Karriereweg eine Rolle für Verkooijen und dessen Management gewesen sein, das Angebot aus Darmstadt anzunehmen?
Absolut. Viele Spieler aus der Eredivisie und teils auch der zweiten niederländischen Liga beobachten, dass ihre gewechselten Kollegen in Deutschland den nächsten Schritt machen können. Umgekehrt ist in den vergangenen Jahren auch der niederländische Markt noch stärker in den Fokus der 1. und 2. Bundesliga gerückt als es zuvor bereits der Fall war. Neben Lidberg ist da zum Beispiel auch Sayfallah Ltaief zu nennen, der vergangene Saison bei Fürth war, oder Mats Rots, der von Twente jetzt zu Hoffenheim wechselt. Diese Entwicklungen registrieren auch die Spieler, das ist sicherlich ein Aspekt für Verkooijen gewesen.
Was schätzt Du, in welcher Größenordnung dürfte sich der Transfer einordnen?
Der Marktwert von Verkooijen dürfte so um die 600.000 Euro angesiedelt sein, der Wechsel an sich ist – aus Lilien-Sicht sehr erfreulich – ablösefrei. Ich vermute, dass die Laufzeit des Vertrags langfristig angelegt ist, vielleicht bis 2030 oder gar 2031. Verkooijen, so hört man, habe sich seinen neuen Klub mit Bedacht ausgewählt und sehe ihn nicht nur als Durchgangsstation für ein Jahr. Sicher sieht der Idealfall vor, dass er nach sportlich guten Leistungen für eine gute Ablöse wechselt, aber das eben erst in einigen Jahren.
Verkooijen ist Belgier, spielte aber schon als Kind bei Willem II in den Niederlanden, bevor er als Neunjähriger nach Einhoven ging. Das dürfte daran liegen, dass beide Klubs relativ nah an der belgisch-niederländischen Grenze liegen. Ist es dennoch normal, dass derart junge Kinder aus Belgien zu niederländischen Profiklubs wechseln?
Das ist ein spannender Punkt, den du ansprichst. Noch vor ein, zwei Jahrzehnten war es so, dass gerade die größen grenznahen Klubs in der Eredivisie sich frühzeitig darum bemüht haben, belgische Talente in jungen Jahren zu sich zu holen. Besonders PSV war da oft in vorderster Reihe dabei, was auch mit ihrer guten Jugendarbeit durch Top-Infrastruktur und hohem sportlichen Niveau zu tun hat. Inzwischen entscheiden sich aber immer mehr Belgier für die Nachwuchsteams der Vereine des eigenen Landes, vor allem, wenn sie noch sehr jung sind. Dennoch gibt es auch heute immer noch einige Beispiele: Neben Verkooijen etwa Jonas Colaes. Er ist seit der U12 bei PSV und hat erst vor ein paar Wochen seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Die Umgewöhnung vom Leben in Flandern – also dem Nord-Teil Belgiens, in dem neben Flämisch auch Niederländisch gesprochen wird – zum Leben in den Niederlanden ist auch nicht allzu groß.
Verkooijen trägt in Darmstadt die Spielmachernummer 10. Passt das zu seinen Qualitäten oder ist er einigermaßen variabel in seinem Spiel?
Ich sehe die 10 eher als Symbol dafür, wie er seinen Spielstil künftig ausrichten will und wo ihn Kohfeldt sieht. Bei PSV war er eher als 8er in einem 4-3-3 unterwegs, überzeugte durch Passsicherheit und eine hohe Laufintensität. Man könnte sagen, seine Rolle dort ähnelte schon einem Box-to-Box-Spieler, aber mit einer offensiveren Ausrichtung. Diese Stärken könnte er bei Darmstadt nun noch mehr im Offensivspiel einbringen. Wenn Kohfeldt ein 3-4-2-1 spielen ließe, mit zwei offensiven Mittelfeldspielern hinter einer Sturmspitze, dann würde Verkooijen da gut reinpassen, auch wenn es nicht die klassische 8er-Position ist, die er bei PSV gespielt hat. Für die defensiveren Positionen im Mittelfeld sehe ich ihn jedenfalls nicht so sehr, denn die hat zuletzt etwa Akiyama eingenommen.
Hat er weitere Stärken? Etwa das Treten von Standards?
Als Standardschütze hat er sich hin und wieder probiert, die macht er solide, aber auch nicht überragend. Was bei ihm aber auffällig ist, ist seine gute Entscheidungsfindung. Intuitiv macht er in Drucksituationen viel richtig und findet kreative Lösungen.
In der Hinsicht würde er Akiyama ähneln. In welchen Situationen darf oder muss Verkooijen für dich noch zulegen?
Einerseits in seiner Körperlichkeit, anderseits auch im Zweikampfverhalten, was ja durchaus zusammenhängt. Das wird insbesondere in der 2. Bundesliga ein großer Punkt für ihn werden, sich da durchzusetzen. Anders als in Deutschland spielen in der niederländischen zweiten Liga auch einige Nachwuchs-Klubs mit, wie ja das von PSV. Die Körperlichkeit in der 2. Bundesliga ist da anders.
Traust Du ihm dennoch zu, Stammkraft in der 2. Bundesliga zu werden, oder dürfte er mit seinen 19 Jahren eine gewisse Anlaufzeit benötigen?
Ich denke, dass Verkooijen trotz der prestigeträchtigen Nummer 10 als Herausforderer in die Saison starten wird. Er wird definitiv eine Anlaufzeit benötigen, um den Schritt vom Nachwuchs- zum Profiteam zu meistern. Auf lange Sicht traue ich es ihm aber zu, Stammkraft zu werden. Das wird auch damit zusammenhängen, ob ihm Kohfeldt im Offensivspiel gewisse Freiheiten einräumt oder eben nicht.
Besten Dank für die zahlreichen Einblicke, Daniel, die Du zu Nicolas Verkooijen geben konntest.
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