2020/21: Abschlusstabellen vs. kicker-Ranglisten in Liga 1 & 2

2020-21_Liga 1Heute Abend steht Teil 1 der Relegation an. Der 1. FC aus Köln will sich gegen Holstein Kiel eine gute Ausgangslage für das Rückspiel am Samstag verschaffen. Doch beinahe wäre es gar nicht zu dem Nord-West-Duell gekommen, sondern zu einem Nord-Süd-Aufeinandertreffen. Und zwar dann, wenn es nach den Benotungen des kicker Sportmagazins gegangen wäre. Denn dann hätte sich der Effzeh am Ende gar über den Strich der Abstiegszone gewuchtet. Stattdessen hätten die Augsburger in die Saison-Verlängerung gehen müssen. Und das ist nur einer der Unterschiede, wenn man die Abschlusstabellen der 1. und 2. Bundesliga mit den kicker-Bewertungen vergleicht. Aber schaut selbst.

Da ist sie also wieder, meine alljährliche Spielerei zum Saisonende. Um ein bisschen abschätzen zu können, welches Team gewissermaßen oberhalb seiner Gewichtsklasse zugeschlagen hat, und welches sich im Gegenteil unter Wert verkauft hat, habe ich mir wieder die Bewertungen des kicker vorgenommen. Allwöchentlich benoten dessen Redakteure die Fußballer der 1. und 2. Bundesliga. Daraus ergeben sich für alle Teams Durchschnittsnoten und auf diese Weise eine ganz eigene Saisontabelle. Dabei bleibt natürlich wie jedes Jahr festzuhalten, dass es sich bei der Notenvergabe der Sportjournaisten um subjektiv gefärbte Bewertungen handelt. Eine gewisse Aversion gegen den HSV lässt sich dabei über die Jahre nicht von der Hand weisen. In schöner Regelmäßigkeit bewertet der kicker die Hansestädter in ihrer Rangliste deutlich weiter nach unten, so auch in diesem Jahr. Klar, über die Notengebung lässt sich trefflich streiten. Aber: Man darf davon ausgehen, dass die Redakteure über 34 Spieltage hinweg die immer gleichen Maßstäbe bei ihrer Spielerbewertung anlegen. Und auch wenn ich persönlich nicht immer damit konform gehe, so ist und bleibt die Notenvergabe eine verlässliche Größe mit einer gewissen Aussagekraft. Erst recht über eine ganze Saison hinweg.

1. Bundesliga: Dreigeteilt und mit anderem Meister
Vergleicht man nun die kicker-Rangliste mit der Abschlusstabelle der Bundesliga, dann ergeben sich alles in allem keine großen Unterschiede. Die Top5 bleiben unter sich, allerdings mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass sich bei den Journalisten RB die Schale um Haaresbreite hätte sichern müssen. Dabei wiesen die Bayern in der Bundesligatabelle einen Vorsprung von satten 13 Punkten auf die Sachsen auf. Das ist zugleich der von mir aufgestellte Diskrepanzwert. Er stellt die Punktdifferenz dar zwischen dem Platz, den ein Klub in der wahren Tabelle einnimmt (Bayern = 78 Punkte), und dem Team auf dem Platz, den er laut kicker innehaben hätte sollen (Leipzig = 65 Punkte). Das ist zugleich aber bis auf eine Ausnahme der einzige Ausreißer der abgelaufenen Saison. Wobei niemand ernsthaft die Berechtigung der 9. Bayern-Meisterschaft infolge infrage stellen würde.
Der zweite Ausreißer betrifft in einem kompakten Mittelfeld Leverkusen und Hoffenheim. Sie hätten anhand der gezeigten Leistungen genau die Plätze (6 und 11) tauschen müssen. Mit dem Ergebnis, dass Hoffenheim nun Europa League spielen würde und Leverkusen sich eine Auszeit vom ungeliebten Wettbewerb genommen hätte. Ansonsten bleibt das Tabellenmittelfeld unverändert und auch im letzten Saisondrittel ändert sich nur marginal etwas. Ein Indiz, dass die Platzierungen alles in allem in Ordnung gehen.
Gleichwohl hätte sich letztlich Augsburg in die Relegation begeben müssen. Jeder, der die Rasenfunk-Schlusskonferenzen von Max hört, der ist geneigt, dem zuzustimmen. Schließlich waren die spielerischen Darbietungen des FCA über die Saison hinweg nur schwer zu ertragen. In noch größerem Maße allerdings bei Werder und Schalke, weshalb deren Abstiege als vollauf berechtigt gelten müssen. Schalkes destatröse Saison schlägt sich beim kicker gar in einem vernichtendem Notenwert von 4,35 nieder. Das ist eine satte Differenz von 0,5 Notenpunkten zum Vorletzen Werder, der wiederum 0,5 Notenpunkte hinter dem beim kicker Viertplatzierten Dortmund liegt. Schalke hat demnach eine fürwahr grauslige Saison hingelegt. Derart schlecht war in den von mir bislang ausgewerteten Spielzeiten (s. Links unten) kein Bundesligist bewertet worden.

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2. Bundesliga: Große Teams bleiben vieles schuldig
In der 2. Bundesliga sind die Abweichungen zwischen dem sportlich Erreichten und dem vom kicker Benoteten größer. Die Tabellenspitze bleibt jedoch auch hier unter sich. Etwas, das ich als Lilien-Fan unterstreichen darf. Bochum, Fürth und Kiel waren alles in allem eine Klasse für sich. Am Tabellenende gehen die beiden Absteiger aus Braunschweig und Würzburg ebenfalls klar, wenngleich sie für die Sportjournalisten die Plätze hätten tauschen müssen. Betrachtet man die beiden Ranglisten, dann fallen vier Teams auf, die eindeutig zu gut weggekommen sind: der Club, St. Pauli, Düsseldorf und der notorisch schlecht bewertete HSV kommen allesamt auf zweistellige Diskrepanzwerte. Das heißt, sie holten zehn bzw. 14 Punkte zu viel, wenn man die kicker-Benotungen für bare Münze nehmen würde. Als Lilien-Supporter fühle ich mich insbesondere beim Urteil über Fortuna Düsseldorf verstanden. Kein Team verstand es, dem SVD derart unverdient Punkte zu entführen wie der Bundesliga-Absteiger. Dass am Ende gar zwei Niederlagen gegen eine zwar effiziente, aber leistungsmäßig überschaubare Fortuna standen, ließ einen schier verzweifeln.
Warum am Ende nicht Osnabrück, mit ihrer endlos langen Sieglos-Serie, sondern das zwischendurch die Liga im Sturm erobernde St. Pauli (knapp vor dem 1.FCN) in die Abstiegsrelegation hätte gehen sollen, das erschließt sich einem nicht unbedingt. Auch Sandhausen und Regensburg landeten für den kicker deutlich zu weit hinten. Die Dickschiffe HSV, Düsseldorf, Hannover und Nürnberg hätten sich für das Sportmagazin dahingegen sorgenvoll Richtung Tabellenkeller orientieren müssen. Für mich ist das durchaus als Zeichen zu werten, dass sie den in sie gesteckten Erwartungen im Saisonverlauf nicht gerecht wurden. Das würde darauf hinweisen, dass die Noten bei solchen Teams vielleicht einen Tick schlechter vergeben werden, als bei Teams, denen man eher nicht so viel zutraut, oder die über weniger namhafte Spieler verfügen. Ein menschlicher Faktor also?

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Ergo:
Die Gegenüberstellung der Abschlusstabelle mit der kicker-Rangliste unter Einbezug des Diskrepanzwertes darf – wie immer – kontrovers diskutiert werden. Gerade bei großen Unterschieden (s. Diskrepanzwert), gibt sie meines Erachtens aber eine Ahnung davon, wer im zurückliegenden Spieljahr zu gut weggekommen ist und wem auf der anderen das Spielglück nicht holt war und der deshalb eher zu schlecht abschnitt. Wie jedes Jahr bleibt die Gegenüberstellung aber eines: eine schöne Spielerei!

 

Hier geht es zu den Auswertungen der letzten Spielzeiten:


Weitere Statistiken aus meinen Blog:

  • Die Legionäre in den Top-25-Ligen (Stand: Dezember 2020) anhand von zahlreichen Schaubildern: KLICK
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