Insider im Gespräch über … Lasse Sobiech (#24)

gettyimages_Lasse SobiechEin bekannter Name kommt ans Bölle. Lasse Sobiech, 30-jähriger Innenverteidiger, hat für ein Jahr beim SVD unterschrieben. Der bei Borussia Dortmund ausgebildete Spieler bringt reichlich Erfahrung mit zu den 98ern: Erstligaeinsätze für Fürth, den HSV und den 1. FC Köln, reichlich Zweitligaspiele für die Rheinländer und den FC St. Pauli sowie Auslandsengagements in Belgien und zuletzt beim FC Zürich. Der Abwehrhüne kam bei den Schweizern jedoch auf lediglich zwölf Einsätze, in denen er immerhin drei Tore erzielte. Seit Januar hat er verletzungsbedingt kein Spiel mehr bestritten und kehrte zu seinem Stammverein 1. FC Köln zurück, der allerdings keine Verwendung mehr für ihn hatte. Ich tausche mich mit Silvan Lerch, FCZ-Fan und Journalist u.a. für das Fußballmagazin Zwölf, über die letzte Spielzeit von Lasse Sobiech in Zürich aus.

Silvan, Lasse Sobiech spielte letzte Saison leihweise beim FCZ. Verletzungsbedingt kamen zu den anfänglichen zwölf Partien keine weiteren hinzu. Um welche Blessur handelte es sich und wie kam es dazu?
Lasse Sobiech erhielt am 23. Januar 2021 gegen den FC Basel einen Schlag gegen den Kopf, spielte die Partie aber zu Ende. Der FC Zürich zeigte damals die wohl beste Leistung der Saison und gewann die Auswärtsbegegnung 4:1, wobei Sobiech das 2:0 erzielte – nach einem Freistoss per… Kopf. Im Nachhinein stellte sich die Blessur leider als Gehirnerschütterung heraus, sodass er länger ausfiel.
Als er nach Wochen der Absenz wieder ins Mannschaftstraining einstieg, kugelte er sich die Schulter aus und musste operiert werden. Danach wurde es still um ihn. Bis zum Ende des Meisterschaftsbetriebs in der Schweizer Super League am 21. Mai stand er verletzungsbedingt nie mehr im Aufgebot.

Ich habe gelesen, dass dennoch ein Verbleib beim FC Zürich im Gespräch war. Kannst Du das bestätigten? Und wenn ja, warum kam er nicht zustande?
Der FC Zürich hatte Sobiech im vergangenen September für eine Saison vom 1. FC Köln ausgeliehen. Da er in den zwölf Partien, die für den FCZ bestritt, überzeugte, zeigte sich der Verein früh an seinem Verbleib interessiert. Seit seinem Ausfall war Sobiech in der öffentlichen Diskussion aber kaum mehr vorgekommen – oder höchstens insofern, als seine Abwesenheit als einer der Gründe für die Krise des Klubs angeführt wurde. Der FC Zürich geriet nämlich wiederholt in Abstiegsgefahr und konnte sich erst kurz vor Saisonende retten.
Deshalb dominierten andere Themen die Agenda, als mögliche Verhandlungen mit Sobiech und dem 1. FC Köln. Raum, um die Gespräche zu beleuchten, gab es eigentlich erst wieder nach der abgelaufenen Spielzeit. Da rückte die Zürcher Kaderplanung naturgemäss erneut in den Fokus der Medien. Doch dies erfolgte bloss kurz, weil sich die Fussball-Berichterstattung auf die Schweizer Nationalmannschaft und die anstehende Europameisterschaft konzentrierte.
Die Stille um Sobiech deutete freilich darauf hin, dass sich die Parteien nicht finden. Insofern kam es für mich nicht allzu überraschend, als der FC Zürich am 1. Juli mitteilte, der Spieler würde nach seiner Leihe zu Köln zurückkehren. Das Communiqué fiel sehr kurz aus. Beweggründe für die Trennung wurden keine genannt. Allerdings deutet die Tatsache, dass sich Sobiech und Köln anschliessend auf eine Vertragsauflösung geeinigt haben, auf Gesprächsbereitschaft der Kölner hin. Deren sportliche Leitung zeigte sich ja erleichtert, Sobiech von der Gehaltsliste streichen zu können, weil er angesichts des Konkurrenzkampfs auf seiner Position kaum zu Einsätzen gelangt wäre.

So richtig eindeutig lässt es sich also nicht sagen, warum ein Deal mit dem FCZ nicht zustande kam.
Ich kann nur spekulieren, warum er nicht in Zürich blieb, sondern jetzt nach Darmstadt wechselt. Ich vermute, eine feste Übernahme scheiterte einerseits an den finanziellen Konditionen. Es ist davon auszugehen, dass Sobiech selbst in der 2. Bundesliga einiges mehr verdient als in der höchsten Schweizer Spielklasse. Andererseits ist für ihn als Deutscher das Engagement bei einem Traditionsverein in der heimischen Liga wohl attraktiver – zumal er aufgrund des enttäuschenden Abschneidens des FC Zürich 2021/22 keine Europapokal-Partien hätte bestreiten können. Bei guten Darbietungen wird es ihm mit Darmstadt leichter fallen, nochmals ins Scheinwerferlicht des deutschen Fussballs zu rücken, als bei einem durchschnittlichen Schweizer Verein – selbst wenn dort nun ein Deutscher als Trainer fungiert: André Breitenreiter.

Embed from Getty Images

Stimmt, das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Breitenreiter hat immerhin den langjährigen Co-Trainer unseres neuen Coaches Torsten Lieberknecht im Gepäck. Du hast erwähnt, Sobiech habe in Zürich überzeugt. Wie hat er Dir alles in allem in den zwölf Partien, mit immerhin drei erzielten Toren, gefallen?
Lasse Sobiech fällt natürlich zuerst einmal mit seiner Körpergrösse auf. Die 1.96 m bringt er stark ein – und zwar in der Defensive wie in der Offensive. Seine drei Tore gelangen ihm denn auch per Kopf nach Standardsituationen. Als Innenverteidiger avancierte er auf Anhieb zum gesuchten «Turm» mit entsprechender Lufthoheit. Sobiech entpuppte sich als natürliche Autorität, die sich sofort integriert, Verantwortung übernimmt und vorangeht. Er wurde automatisch zu einem Teamleader. Mit seiner Erfahrung gelang es ihm, die Verteidigung zu organisieren und ihr Stabilität zu verleihen. Die Viererkette, die der Trainer wählte, um die Defensive zu festigen, behagte ihm.

Welchen Eindruck hat er abseits des Platzes auf dich gemacht, sofern das in Corona-Zeiten überhaupt möglich war?
Er machte nie den Eindruck, abzuheben oder sich gar als Star zu verstehen. Im Gegenteil: In persönlichen Gesprächen und Interviews mit den Medien zeigte er sich bescheiden, geerdet, zugänglich und empathisch. Dem Zürcher «Tages-Anzeiger» etwa erzählte er, dass er in Südafrika eine Fussballschule und in Kenia ein Patenkind unterstütze. Und er bewies Selbstironie, als er von sich selbst sagte: «Ich bin jetzt nicht der typische Dribbler.» Lasse Sobiech hat, soweit ich ihn erleben konnte, eine gewinnende Art. Und er schaut über den teils doch arg engen Tellerrand des Fussballgeschehens hinaus. Das ist sehr wohltuend.

Kommen wir nochmal zum Sportlichen. Hast Du Defizite in seinem Spiel ausgemacht?
Sobiechs Defizite manifestieren sich ausgerechnet dort, wo sein positiver Einfluss gross war: beim 19-jährigen Mitspieler Becir Omeragic. Omeragic gilt als das grösste Innenverteidiger-Talent der Schweiz seines Alters. Mit 16 hätte er von Servette Genf zu Bayern München oder Barcelona wechseln können, doch er zog es vor, den Sprung zu den Profis in heimischen Gefilden zu schaffen – um später dann umso mehr bereit zu sein für einen Transfer ins Ausland. Omeragic, der an der aktuellen «Euro» auch zum Kader der Schweizer Nationalmannschaft gehört hat (allerdings ohne Einsatz blieb), profitierte im Klub enorm von Sobiechs Präsenz. An der Seite des Routiniers konnte sich der Youngster auf sein Spiel konzentrieren und musste nicht gleich die gesamte Defensive anführen. So machte er kontinuierlich Fortschritte – und zwar auf bereits immens hohem Niveau.
Omeragic ist ein intelligent und elegant agierender, technisch versierter Verteidiger, der mit Übersicht und Positionsspiel viele Angriffe frühzeitig zu unterbinden weiß. Zudem verfügt er über die Gabe eines hervorragenden ersten Passes zur Spieleröffnung. Ich betone diese Qualitäten, weil sich in ihnen Unterschiede zu Sobiech widerspiegeln. Sobiech hat eine beeindruckende Quote an gewonnen Zweikämpfen, ist ein Mentalitätsspieler und Aggressivleader. Er agiert effizient gegen den Ball, tritt mit Wucht und Selbstbewusstsein auf. Doch das Talent und die Eleganz eines Omeragic gehen ihm ab. Zudem dünkte er mich nicht der Schnellste.

Glaubst Du dennoch, dass er das Spiel der Lilien bereichern kann?
Ja. Dank seiner Erfahrung, mit der er gewisse Mängel auszugleichen weiß, wird er – wie einst Victor Pálsson – ein weiterer Ex-FCZler sein, der bei Darmstadt Spuren hinterlassen kann. Er verkörpert jedenfalls Werte, die meines Erachtens gut zu Torsten Lieberknechts Spielphilosophie passen.

Sehr gut. Herzlichen Dank, Silvan, für den angenehmen und erhellenden Austausch!

 

Insider-Interviews zu den bisherigen Verpflichtungen:

  • Mit Robert Laul (Aftonbladet) über Innenverteidiger Thomas Isherwood* (Östersunds FK)
  • Mit Anna (Football Radar) über Außenverteidiger Emir Karic (SCR Altach)
  • Mit Alex (NurderFCM) über Keeper Morten Behrens (1. FC Magdeburg)
  • Mit Jens (Sportjournalist) über Defensivspezialist Jannik Müller (DAC Dunajská Streda)
  • Mit Sonja (Journalistin) über Angreifer Phillip Tietz (SV Wehen Wiesbaden)
  • Mit Steffen (Journalist) über Außenverteidiger Frank Ronstadt (FC Kickers Würzburg)
  • Mit Gerald (Dozent und Buchautor) über Coach Torsten Lieberknecht (vertragslos)
  • Mit Jörn (KSC-Fan) über Benjamin Goller (Werder Bremen/Karlsruher SC)

    * Winter-Neuzugang, bisher überwiegend verletzt

3 Gedanken zu “Insider im Gespräch über … Lasse Sobiech (#24)

  1. Pingback: Insider im Gespräch über … Luca Pfeiffer (#16) | Kickschuh.Blog

  2. Pingback: Insider im Gespräch über … Nemanja Celic (#43) | Kickschuh.Blog

  3. Pingback: Insider im Gespräch über … Klaus Gjasula (# 23) | Kickschuh.Blog

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.