Insider im Gespräch über … Luca Pfeiffer (#16)

gettyimages_Luca PfeifferMittelstürmer Nummer 2 ist da. Luca Pfeiffer kommt auf Leihbasis vom dänischen Spitzenklub FC Midtjylland nach Darmstadt. Der großgewachsene Angreifer absolvierte in der vergangenen Spielzeit 14 Partien für die Dänen, darunter drei Kurzeinsätze in der Champions League. Da ihm der Durchbruch verwehrt blieb, heuert der 24-Jährige nun für ein Jahr bei den Lilien an. Mit dem VfL Osnabrück und den Würzburger Kickers feierte er bereits Zweitligaaufstiege. Ich tausche mich – wie schon bei Frank Ronstadt – mit Steffen aus, seines Zeichens Journalist und Herausgeber des Würzburger Sportmagazins Lokalheld.

Steffen, Luca Pfeiffer ging nach dem Zweitligaaufstieg etwas überraschend und erst nach Saisonbeginn nach Dänemark. Wie hoch bewertest Du die Chancen, dass die Saison mit ihm nicht gar so schlecht verlaufen wäre, wie sie schlussendlich verlaufen ist?
Zunächst kann ich euch zu Luca nur beglückwünschen, meiner Einschätzung nach ein toller Transfer. Die Personalpolitik der Kickers in der zurückliegenden Zweitliga-Saison war eine Katastrophe. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Schlüssig und erfolgversprechend wäre es gewesen, den Aufstiegskader zu halten und gezielt – und vor allem seriös – zu verstärken. Dazu hätte natürlich auch Luca Pfeiffer gezählt, der in der 3. Liga ein – vor allem nach dem Re-Start – sensationelles Jahr am Dallenberg gespielt hat. Er identifizierte sich mit dem Verein, er kommt ja auch aus der Gegend, war sehr beliebt bei den Fans, im Umfeld und im Team. Sein Wechsel war aber für beide Parteien, dieses „Once in a Lifetime“-Ding. Da gab es nichts zu überlegen. Pfeiffer konnte zu einem Champions League-Teilnehmer ins Ausland wechseln, die Kickers kassierten so viel, wie noch nie in ihrer Geschichte für einen Transfer. Besonders klug reinvestiert wurde das Geld zwar letztlich nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Bei den Lilienfans gibt es alle Stimmungslagen, was Luca Pfeiffers Ausleihe anbelangt. Vielen ist er gar kein Begriff und sie sehen ihn deshalb bereits kritisch. Was entgegnest Du den Skeptikern? Hat Pfeiffer für dich Zweitligaformat?
Er hat definitiv Zweitligapotenzial. Ob er auf Anhieb Zweitligaformat hat in einer neuen Mannschaft, das werdet ihr in den nächsten Wochen und Monaten sehen. Seine Entwicklung innerhalb eines Jahres bei den Kickers war bemerkenswert. Ich gehe davon aus, dass er sich durch die Erfahrung in Dänemark noch einmal weiterentwickelt hat – auch wenn die blanken Zahlen aus der letzten Saison das vielleicht nicht gleich vermuten lassen. Er ist aber einer, der sich keinen großen Kopf um alles macht. Der wird gleich Vollgas geben. Euren Verantwortlichen kann ich nur gratulieren. Wenn man gerade einen Markt beackern muss, mit Klubs wie Schalke, Hamburg, Bremen usw., habt ihr euch schon einen echt starken Stürmer geangelt. 

Der FC Midtjylland gilt als sehr moderner Klub, der seine Spieler anhand von mathematischen Berechnungen und individuell erstellten Verhaltensprofilen scoutet. Ich nehme an, ihr habt euch in Würzburg gewundert, wie der Champions League-Teilnehmer auf Pfeiffer aufmerksam geworden ist. Weißt Du mehr, wie der Wechsel zustande kam, oder wie das Interesse der Dänen geweckt wurde?
Ich kannte die Scouting-Methoden vom FC Midtjylland schon aus dem Buch „Matchplan“ von Christoph Biermann. Das war natürlich spannend, als dann letztes Jahr wirklich ein Spieler von dem Verein, den ich intensiv beobachte, ins Raster von Midtjylland passte. Ich weiß nur, dass die Verhandlungen und der komplette Transfer sehr schnell über die Bühne gingen. Dass er dort gleich einen Vierjahresvertrag erhielt, spricht für sein Potenzial. Dort sind bekanntlich ja keine Amateure am Werk im Verein. Natürlich müsste ich lügen, wenn ich sagen würde, dass mich der Wechsel nicht überrascht hat damals. Eher hatte ich damit gerechnet, dass sich letztes Jahr schon ein Zweitligist Luca schnappt. Es gab auch mehrere Anfragen für ihn nach dem Aufstieg. Er meinte zu mir aber, da war nichts dabei, wofür er seine Heimat Würzburg hätte verlassen wollen.

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Hast Du aus der Ferne seine Entwicklung und seinen letztlich schweren Stand in Dänemark verfolgt?
Punktuell. Die Champions-League-Vorrunde habe ich noch recht intensiv verfolgt. So eine Geschichte kommt nicht häufig vor, dass ein Junge aus der Region so durch die Decke geht und plötzlich in Anfield aufläuft. Genauer gesagt ist seine Geschichte eine wirklich einmalige… von der Oberliga in die Champions League innerhalb von nur vier Jahren! Am Vormittag nach seinem Einsatz auswärts gegen Liverpool habe ich mit ihm telefoniert. Für ihn war das alles eine ganz neue Welt. Er sagte mir, dass er jede Sekunde dabei genossen hat. Wie genau seine Saison in der dänischen Liga weiterging, weiß ich auch nicht. Was ich noch vom Telefonat weiß, war natürlich, dass die Eingewöhnung in der neuen Heimat inmitten von Corona nicht so einfach war. Lange durften ihn wegen der Einreisebestimmungen in Dänemark nicht mal Verwandte besuchen. Allgemein darf man nicht vergessen, dass er direkt von einem Drittligisten zu einer wirklich starken Mannschaft wechselte, die – so war mein Eindruck nach dem ich mir ein paar Champions League-Spiele angesehen habe – bei uns in der Bundesliga auf jeden Fall mithalten könnte.

Als er zu euch kam, sammelte er in den ersten fünf Ligapartien gleich fünf Scorerpunkte und traf zudem beim DFB-Pokalsieg gegen Hoffenheim. Eine lange Anlaufzeit hat er offenbar nicht benötigt?
Nein, er bringt eine gewisse Lockerheit mit, die er im Spiel noch durch viel Kampf und Einsatzbereitschaft ergänzt. Das ist schon ein cooler Zocker. Luca vergibt mal eine Hundertprozentige. Vielleicht auch mal zwei. Ihn muss danach aber keiner aufbauen. Der macht einfach weiter. 

Pfeiffer ist mit 1,96 Meter sehr groß. Wenn man ihm aber nur Kopfballstärke unterstellen würde, dann täte man ihm unrecht, denn er kann auch ganz gut mit dem Ball am Fuß umgehen meine ich, oder? Wo siehst Du generell seine Stärken?
Gut, bei seiner Größe dachte ich als er nach Würzburg kam, dass er der klassische Leuchtturm ist, der etwas Bälle festmachen kann und bei Flanken gefährlich wird. Sein Kopfballspiel ist gut, aber für seine Größe auch nicht überragend. Vielleicht haben die Dänen da mit ihm noch etwas daran gefeilt. Da gilt es noch Potenzial auszuschöpfen. Mir gefiel immer sein Ballgefühl, wie er den Ball im Lauf verarbeitet hat und damit einhergehend oft völlig unerwartete Dinge anstellte. Er hat ein gutes Sprinttempo, ist robust im Zweikampf und hat eine gute Technik und Vielseitigkeit im Torabschluss. 

Er ist also ein Spieler, der auch im Spielaufbau mitwirken kann? Der also nicht nur in der Box lauert?
Wie ich schon angedeutet habe, ist er nicht der typische „Wandspieler“ in der Box. Luca braucht etwas Platz um seine Läufe zu machen, mal in die Tiefe, mal raus auf den Flügel. Oft wirkt das etwas unorthodox, aber immer spielfreudig und mit viel Zug zum Tor. Ein paar Freiheiten in der Offensive tun seinem Spiel definitiv gut. Im Angriffspressing hat er dem damaligen Kickers-Coach Michael Schiele aber gerne mal den ein oder anderen Nerv geraubt. Da merkte man noch etwas, dass er ein paar Jahre unterklassig unterwegs war. Einen kompletten, fertigen Zweitligastürmer kriegt ihr mit Luca nicht. Dafür aber einen, der das Potenzial hat, ein besonderer Spieler zu werden.

Gab es auch Situationen in denen Du ein wenig an ihm verzweifelt bist?
Nein, eigentlich im Gegenteil. Immer wenn sich die Kickers im Aufstiegsjahr in einen Rausch gespielt hatten, war Luca maßgeblich daran beteiligt. Angefangen mit dem sensationellen Pokal-Spiel gegen Hoffenheim bis hin zum Re-Start in dem er sieben Tore in elf Spielen erzielte. Ohne ihn im Angriff wären die Kickers nicht aufgestiegen. Er war ein absoluter Glücksgriff – sportlich und als Typ.

Du hattest das Telefonat mit ihm nach seinem Spiel in Liverpool erwähnt. Auch zu seinen Würzburger Zeiten, wirst Du sicher mit ihm gesprochen haben. Welchen Eindruck macht er auf dich persönlich? Typisch Profi, oder jemand, der bodenständig und sehr umgänglich ist?
Er war immer sehr kommunikativ. Ich hätte nichts dagegen, jeder Fußballprofi wäre wie Luca, dann würde mir meine Arbeit um einiges mehr Spaß bereiten. Ihn könntest du morgen einfach in die Kabine eines Kreis- oder Bezirksligisten setzen. Er hätte Riesenspaß und alle anderen auch. Ein absoluter Sympathieträger. Immer locker, freundlich und nahbar. Ein ganz normaler Typ eben, der sehr dankbar ist, dass er es im Profifußball über ein paar Umwege noch geschafft hat. Ich bin extrem gespannt, wie er sich in Darmstadt entwickelt. Natürlich auch ein bisschen mit einem weinenden Auge, aber ich wünsche ihm nur das Beste.

Wunderbar. Herzlichen Dank, Steffen. Das war sehr erkenntnisreich.
Wir hören uns, wenn die nächste Ex-Rothose zu euch kommt. Bisher habt ihr die echten Sahnestückchen vom Buffet abgegriffen.

So verbleiben wir. Jetzt bleibt erstmal zu hoffen, dass sich Luca Pfeiffer hier ähnlich gut schlägt, wie seinerzeit in Würzburg.

 

Insider-Interviews zu den bisherigen Verpflichtungen:

  • Mit Robert Laul (Aftonbladet) über Innenverteidiger Thomas Isherwood* (Östersunds FK)
  • Mit Anna (Football Radar) über Außenverteidiger Emir Karic (SCR Altach)
  • Mit Alex (NurderFCM) über Keeper Morten Behrens (1. FC Magdeburg)
  • Mit Jens (Sportjournalist) über Defensivspezialist Jannik Müller (DAC Dunajská Streda)
  • Mit Sonja (Journalistin) über Angreifer Phillip Tietz (SV Wehen Wiesbaden)
  • Mit Steffen (Journalist) über Außenverteidiger Frank Ronstadt (FC Kickers Würzburg)
  • Mit Gerald (Dozent und Buchautor) über Coach Torsten Lieberknecht (vertragslos)
  • Mit Jörn (KSC-Fan) über Außenstürmer Benjamin Goller (Werder Bremen/Karlsruher SC)
  • Mit Silvan (Journalist und FCZ-Fan) über Innenverteidiger Lasse Sobiech (1. FC Köln/FC Zürich)

    * Winter-Neuzugang, bisher überwiegend verletzt

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