Insider im Gespräch über … Marcel Schuhen

Daniel Heuer Fernandes hat dem Werben des Hamburger SV nachgegeben. Damit kommt den Lilien zur neuen Saison der starke Rückhalt der vergangenen Spielzeiten abhanden. Als seinen Nachfolger haben sich die 98er Marcel Schuhen ausgeguckt, der in den vergangenen zwei Jahren bei Ligakonkurrent SV Sandhausen zwischen den Pfosten stand. Der 26-Jährige kommt mit der Empfehlung von 56 Zweitliga- und 91 Drittligapartien ans Böllenfalltor. Der in der Fußball-Community auf Twitter gut vernetzte Moritz ist Dauerkarten-Inhaber beim SVS und bringt mir den Neuzugang (Vertrag bis 2022) ein wenig näher.

Moritz, seit Jan Zimmermann Anfang 2011 zum SVD kam, hatten die Lilien mit ihm, Christian Mathenia, Michael Esser und Daniel Heuer Fernandes immer starke Keeper zwischen den Pfosten. Traust Du Marcel Schuhen zu, diese Fußstapfen auszufüllen?
Wenn ich mich recht erinnere, sind diese Torhüter alle erst bei euch so richtig ins Blickfeld geraten. Insofern wäre es vermessen, das Schuhen nicht zuzutrauen. Seine Karriere geht ja in kleinen Schritten, aber konstant nach oben. Insofern kann ich mir durchaus vorstellen, dass er bei euch starke Leistungen zeigt, dann aber auch bald wieder weg ist.

Schuhen war zwei Jahre bei euch. In der ersten Saison stand er durchweg im Kasten. Nach dem zweiten Spiel der abgelaufenen Saison, einem 0:3 gegen den HSV, war er plötzlich raus. Was war da los?
Dazu muss man etwas ausholen: In seinem ersten Jahr in Sandhausen war Schuhen gleich ziemlich konkurrenzlos, weil er sich in der Vorbereitung gegen Marco Knaller durchgesetzt hatte, der daraufhin schnell nach Ingolstadt gewechselt war. Nach dem ersten Jahr, das für Zweitligaverhältnisse solide war, holte der SVS mit Niklas Lomb einen nominell etwa gleich starken Torhüter auf Leihbasis aus Leverkusen. Nach allem was man hört, war die initiale Entscheidung für Schuhen dann zum einen eine für den lauteren, energischeren Keeper, zum anderen aber auch für den, der tatsächlich dem Verein gehörte. Das fiel dann relativ schnell in sich zusammen, als Schuhen das erste Heimspiel der Saison gegen den HSV quasi im Alleingang verlor: Nach sieben Minuten mit einem Fehlpass, nach dem er sich von Narey sogar noch tunneln ließ. Nach einer Stunde mit einem noch eklatanteren Zuspiel zum Gegner, der nur noch einschieben musste. Wenn ein Torwart wegen seines mentalen Einflusses auf die eigene Defensive den Vorzug bekommt und dann so abschenkt, funktioniert das schlicht nicht mehr. So durfte dann Lomb ran und hat das, im guten wie im schlechten Sinne, unauffällig gemacht – keine schlimmen Patzer, keine durch ihn gewonnenen Punkte.

Ab Dezember stand Schuhen wieder im Tor. War letztlich der Trainerwechsel hin zu Uwe Koschinat der Grund dafür?
Ja, das muss man so sagen. Koschinat musste ein ziemlich kaputtes Team wieder aufrichten und hat dafür auch den Torwartwechsel vollzogen. Das hat dann ziemlich schnell sehr gut funktioniert. Gegen Heidenheim setzte es zwar die obligatorische Niederlage, dafür konnte Schuhen aber meiner Meinung nach nichts.

Stefan vom Fanclub „Carpe Diem Sandhausen“ hat mir kurz geschrieben, dass Schuhen letztlich großen Anteil am Klassenerhalt hatte. Teilst Du seine Einschätzung?
Ja, eindeutig. Es gibt einige Spiele in dieser Saison, in denen er den entscheidenden Einfluss hatte. Gegen den 1. FC Köln hat er im Alleingang dafür gesorgt, dass es keine schlimme Niederlage gab. Im vielleicht wichtigsten Spiel der Rückrunde in Heidenheim, beim ersten Sieg gegen diesen Klub seit Generationen, hat er die Punkte gerettet, ebenso beim letztlich unglücklichen Unentschieden gegen Paderborn. Er hatte zwar auch immer wieder Patzer und schwächere Spiele, unterm Strich dürfte er dem Team aber definitiv mehr Punkte verschafft als gekostet haben.

Daniel Heuer Fernandes überzeugte im Lilien-Dress durch seine starken Paraden und Reflexe. Wie bewertest Du Schuhen in dieser Hinsicht?
Die Reflexe sind ebenfalls Schuhens Stärke. Manchmal haben wir uns im Block etwas ratlos angeguckt, wie er nun wieder an diesen Ball gekommen war. Gleichzeitig bekam ich es manchmal mit der Angst zu tun, wenn er bei Standards die Linie verließ – meistens hat er dabei lieber gefaustet als zu fangen.

Die Lilien lassen unter Dimitrios Grammozis den Ball verstärkt von hinten herauskombinieren und das fängt beim Keeper an. Wie schätzt Du Schuhens fußballerische Qualitäten ein?
Also einen Kurzpass zu Innenverteidigern oder Pseudo-Liberos wie sie in Sandhausen zuletzt manchmal aufgestellt wurden, kriegt er hin. Einen elften Feldspieler wie etwa Ortega in Bielefeld, würde ich ihm aber keinesfalls zutrauen. Was er allerdings ziemlich gut kann, sind Abwürfe, die er mit Vorliebe den Außenverteidigern in den Lauf spielt.

Sind Dir Szenen vor Augen, wo er Dir nicht so gut gefiel?
Kurz nachdem Schuhen anfing, hat er meinem Eindruck nach versucht, den nach Bochum abgewanderten Riemann zu ersetzen und dabei zu einigen sehr riskanten Dribblings im eigenen Strafraum angesetzt. Da gab es dann etwas Anschiss von den älteren Herren, die seit fünfzig Jahren ganz unten am Zaun stehen und er hat recht schnell damit aufgehört. Dafür ist er irgendwann aufgetaut und hat angefangen, die manchmal etwas zu abgeklärt wirkenden alten Kollegen in der Innenverteidigung, Kister und Karl, mitzureißen. Wenn Schuhen wieder eine 100%-Chance vereitelte, unterschied sich der Jubel im Team kaum von dem, wenn einer der Stürmer ein Tor erzielt hatte. Ich weiß nicht ob Darmstadt das braucht, in Sandhausen hat es geholfen.

Die Lilien schrieben bei der Bekanntgabe des Wechsels, Schuhen sei noch im entwicklungsfähigen Alter. Hat er in seinen zwei Jahren beim SVS in Deinen Augen einen Schritt nach vorne getan?
Wie gesagt, er hat sich Dinge abgewöhnt. Zudem wird er sicher durch die Drittelsaison auf der Bank mental dazugelernt haben. Ich weiß nicht ob man daraus tatsächlich einen Leistungssprung lesen kann, aber er hat sich immerhin in Liga 2 etabliert, das können ja die wenigsten Torhüter von sich sagen.

In Rostock galt Schuhen angeblich als Publikumsliebling. Wie war das in Sandhausen?
In Sandhausen pflegt man seine Torhüter nicht zu lieben, aber ihre Leistung zu honorieren. Das war bei Riemann so, der aus seinem Wunsch zu einem besseren Club zu gehen nie einen Hehl gemacht hatte, das war bei Knaller so, dem es niemand übel nahm, dass er nach Jahren als Nummer 2 dann doch lieber dem Geld nach Ingolstadt folgte, und bei Schuhen nun auch. Einen besonderen Eindruck abseits des Feldes wird er daher nicht hinterlassen.

Moritz, herzlichen Dank!
Danke auch!


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3 Gedanken zu “Insider im Gespräch über … Marcel Schuhen

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